Wird ein Unternehmen oder ein Unternehmensteil zugekauft, muss es in die eigenen Prozesse und Systeme überführt werden. Im SAP-Umfeld spricht man vom Carve-in: Die übernommene Einheit wird, meist als eigener Buchungskreis, in das bestehende SAP-System integriert. Für das Finanzwesen beginnt die Arbeit lange vor dem Go-live, denn ab dem Übernahmetag müssen Buchhaltung, Zahlungsverkehr und Berichtswesen funktionieren. Dieser Beitrag zeigt, worauf es dabei ankommt.
Auf einen Blick
- Der Übernahmetag, oft Day 1 genannt, setzt den Takt: Geplant wird rückwärts von diesem Termin.
- Übergangsleistungen des Verkäufers (Transitional Service Agreement, TSA) überbrücken die Zeit bis zur Integration und sollten auf die Integrationsziele abgestimmt sein.
- Üblich ist die Integration als eigener Buchungskreis im bestehenden System, nach dem Konzern-Template.
- Zentrale Aufgaben im Finanzwesen: Organisationsstrukturen, Kontenplan, Stammdaten, Eröffnungsbilanz, Bank und Intercompany.
- Mehrere Testmigrationen und eine Generalprobe senken das Risiko am Go-live.
Inhalt
Was ein Carve-in ist
Beim Carve-out wird ein Unternehmensteil aus den Systemen des Verkäufers herausgelöst. Beim Carve-in wird er auf Käuferseite in die eigenen Systeme eingegliedert. Beide Vorgänge laufen häufig gleichzeitig und hängen voneinander ab: Was der Verkäufer an Daten und Leistungen bereitstellt, bestimmt, wie schnell und in welchem Umfang der Käufer integrieren kann.
Day 1: was ab dem ersten Tag funktionieren muss
Ab dem Übernahmetag gehört die Einheit rechtlich zum neuen Konzern. Im Finanzwesen müssen dann mindestens diese Funktionen gesichert sein:
- Buchhaltung: Es ist geklärt, in welchem System und von wem gebucht wird.
- Bank und Liquidität: Bankkonten, Zahlungen an Lieferanten und Zahlungseingänge funktionieren; die Liquidität ist im Blick.
- Eröffnungsbilanz: Die Übernahmewerte zum Stichtag sind ermittelt und abgestimmt.
- Steuern: Registrierungen und Meldepflichten der Gesellschaft laufen ohne Unterbrechung weiter.
- Berichtswesen: Die Einheit liefert Zahlen in der Struktur und im Takt des neuen Konzerns.
Häufig stellt der Verkäufer Systeme und Leistungen für eine Übergangszeit bereit. Ein solches TSA sollte als Brücke zu den Integrationszielen verstanden werden: Umfang und Laufzeit richten sich danach, wann welche Funktion ins eigene System wechselt, nicht nach pauschalen Faustregeln.
Integrationsansätze
- Integration zum Übernahmetag: Die Einheit arbeitet ab Day 1 im System des Käufers. Der Zeitraum ist kurz, der Übernahmetermin ist die feste Frist.
- Integration in zwei Schritten: Die Einheit arbeitet zunächst über ein TSA im System des Verkäufers weiter und wechselt einige Monate nach dem Closing in das eigene System.
- Entscheidung je System: Für jedes übernommene System ist zu klären, ob es behalten, kopiert, neu aufgebaut, integriert oder abgeschaltet wird.
Im Finanzwesen wird die übernommene Einheit in der Regel als eigener Buchungskreis angelegt und nach dem Konzern-Template eingerichtet, wie im Beitrag Global Template im Finanzwesen beschrieben.
Aufgaben im Finanzwesen
- Organisationsstrukturen: Buchungskreis, Profit Center, Kostenstellen sowie die Zuordnung zu Segmenten und Konsolidierungseinheiten.
- Kontenplan: Zuordnung der bisherigen Konten zum Konzernkontenplan, bei Bedarf ergänzt um einen Landeskontenplan.
- Stammdaten: Kunden und Lieferanten als Business Partner übernehmen und Dubletten mit bestehenden Partnern erkennen, etwa gemeinsame Lieferanten.
- Salden und offene Posten: Eröffnungsbilanz, offene Posten bei Kunden und Lieferanten sowie Anlagen mit Anschaffungswerten und kumulierten Abschreibungen.
- Bank und Zahlungsverkehr: Bankkonten, Zahlwege und die Zahlungsformate der Banken (siehe ISO 20022).
- Intercompany: neue Beziehungen zu Konzerngesellschaften mit Partnergesellschaft und Abstimmungsregeln.
- Abschluss und Berichtswesen: Einbindung in Abschlusskalender und Konzernmeldung.
Datenmigration und Tests
Praxisberichte zeigen ein wiederkehrendes Muster: mehrere Testmigrationen, eine Generalprobe und erst dann der Go-live. Jeder Testlauf deckt Datenfehler und Lücken in der Zuordnung auf, die vor dem Stichtag behoben werden.
Nicht immer ist ein direkter Zugriff auf das System des Verkäufers möglich, etwa aus Wettbewerbsgründen. Dann werden die Daten über Exporte in mehreren Stufen übernommen. Eine frühe Grundsatzentscheidung ist außerdem, ob Belege mit Historie übernommen werden oder nur Salden und offene Posten; im zweiten Fall muss der Zugriff auf die Altdaten für die Aufbewahrungsfristen gesichert bleiben.
Rückwärts vom Übernahmetag planen
Weil der Übernahmetag feststeht, wird vom Stichtag aus rückwärts geplant:
- Bestandsaufnahme in der Due Diligence: Systeme, Datenbestände, Verträge und Abhängigkeiten früh erfassen; hier zeigt sich, wo Übergangsleistungen nötig sind.
- Day-1-Konzept: festlegen, was ab dem Übernahmetag funktionieren muss und was später folgt.
- Strukturen und Regeln: Buchungskreis, Kontenzuordnung und Stammdatenregeln nach dem Konzern-Template definieren.
- Testmigrationen: mehrere Durchläufe mit echten Daten und Abstimmung der Ergebnisse.
- Generalprobe: kompletter Probelauf des Cutovers unter realistischen Bedingungen.
- Go-live und erster Abschluss: Begleitung bis zum ersten Monatsabschluss im Konzernsystem.
Typische Stolpersteine
- Fester Termin, wachsender Umfang: Der Übernahmetag steht fest, der Umfang wächst oft im Projekt. Eine klare Trennung zwischen Day-1-Pflicht und späterer Optimierung schützt den Termin.
- Unterschiedliche Bewertungsmethoden: Abschreibungsregeln oder Bestandsbewertung des Verkäufers weichen von den Konzernvorgaben ab und müssen bei der Übernahme abgestimmt werden.
- Dubletten: Gemeinsame Kunden und Lieferanten tauchen nach der Migration doppelt auf, wenn sie nicht vorher abgeglichen werden.
- Wissen beim Verkäufer: Nach dem Closing stehen Ansprechpartner des Verkäufers oft nur begrenzt zur Verfügung.
- Vorlaufzeiten: Bankkonten, Berechtigungen und steuerliche Registrierungen brauchen Zeit und gehören früh in den Plan.
Aus der Praxis
Bei der Integration eines zugekauften Unternehmens mit mehreren Werken in ein bestehendes SAP-System war der Übernahmetag der feste Anker. Entscheidend war, früh zu trennen, was ab dem ersten Tag funktionieren muss und was später folgen kann: Zahlungsverkehr, Buchhaltung und Berichtswesen liefen ab Day 1, Optimierungen kamen danach.
Häufige Fragen
Was unterscheidet Carve-in und Carve-out?
Beim Carve-out wird ein Unternehmensteil beim Verkäufer herausgelöst, beim Carve-in wird er beim Käufer eingegliedert. Beide Vorgänge laufen oft gleichzeitig.
Muss die Integration am Übernahmetag abgeschlossen sein?
Nicht zwingend. Mit Übergangsleistungen des Verkäufers kann die Integration auch später erfolgen. Entscheidend ist, dass Buchhaltung, Zahlungsverkehr und Berichtswesen ab dem ersten Tag funktionieren.
Werden historische Buchungen übernommen?
Das ist eine Grundsatzentscheidung. Häufig werden Salden, offene Posten und Anlagen übernommen; die Historie bleibt dann im Altsystem oder in einem Archiv zugänglich.
Stand: Oktober 2026.
Carve-in geplant?
Ich unterstütze bei der Integration zugekaufter Unternehmen in SAP FI/CO, von der Day-1-Planung über die Datenmigration bis zum ersten Abschluss im Konzernsystem.

Alexander Driediger
Senior SAP S/4HANA Finance & Controlling Consultant mit mehr als 10 Jahren Erfahrung im SAP-Umfeld und eigener Praxis im Rechnungswesen. Mehr über mich
